PeerTube im Fediverse

8 Minuten Lesezeit

Kurze Begriffsklärung

Fediverse?

Das Fediverse nennt etwas Fediverse, wenn mehrere durchaus unterschiedliche Anbieter dasselbe Protokoll nutzen, um Nutzer dieser Anbieter frei miteinander interagieren zu lassen - und das in Bezug auf digitale Medien. Somit entsteht stark vernetzte aber dabei stets dezentrale Dienste, bei dem freie Anbieterwahl zum Konzept gehört. The Verge geht hier einmal ins Detail und gibt einen Ausblick.

PeerTube?

PeerTube ist eine dezentrale Videoplattform, bei der sich mehrere Server die Last teilen und auch Zuschauer beim Verbreiten von Videos helfen können. Grob gesagt steht PeerTube zu YouTube wie Mastodon zum Kurznachrichtendienst X.

Der Anlass

Dieser Artikel beginnt mit einer E-Mail.

“You’re receiving this non-automated email because you’re one of the handful of people who has a video hosted on this PeerTube instance. I have decided to shut down this service […]” - Tom, scitech.video administrator

Es tue ihm wirklich leid, aber der Weiterbetrieb der Instanz koste zu viel Zeit, Wartungsaufwand und Geld. Zudem sei die Plattform im Moment nur wenig genutzt, sodass der Aufwand unverhältnismäßig erscheine.

So weit, so verständlich.

Toms Geschichte: scitech.video

Image: scitech.video statistics as of Mid-March 2025: ~16k views total

Da ich dort allerdings alle meine Videos hochgeladen und verlinkt hatte, war ich sehr an den Hintergründen interessiert. Also hakte ich nach. Meine Nachfrage wurde ausführlich und prompt beantwortet.

Die Anfänge

Tom setzte seine PeerTube-Instanz im Jahr 2019 auf. Ursprünglich, um eigene Inhalte zu teilen. Bereits wenig später öffnete er das Hosting-Angebot, wenn auch mit leichtem Unwohlsein, für andere 1.

Aus der Admin-Perspektive wirke so eine Videoplattform wie der “wilde Westen”. Seinem Angebot ein gesundes Wachstum angedeihen zu lassen, stellte sich als recht schwierig heraus - vor allem, weil viele Bots und Werbetreibende unterwegs sind.

“Growing the service turned out to be challenging. Every time I opened registrations spambots started creating accounts easily and uploading videos with advertisements in the video descriptions […]” - Tom, scitech.video administrator, via E-Mail

Viele Bots und unerwünschte User unterwegs

Diese unerwünschten Spammer, Scammer, Advertiser konnte er zwar stets davon abhalten, scitech.video zu verseuchen. Dennoch bedeutete dies ständige Arbeit und manuelle Überwachung der automatischen Tools zum Ablehnen und Moderieren.

An dieser Stelle möchte ich Tom beipflichten. Ich habe im Schnitt etwa 340 fehlgeschlagene und dann von mir weggeblockte Verbindungen externer IP-Adressen auf meinen Server pro Tag. Allein auf dem ssh-Port. Und mein Server ist weder besonders groß, bekannt oder kann als lohnenswertes Ziel durchgehen. Ganz zu schweigen von zahllosen Versuchen, auf meine Gitea-Nutzeroberfläche zu kommen, die Website nach verborgenen Links zu crawlen und vieles mehr.

Für Betreiber eines Portals, welches auch externen Usern Schreibzugriff gibt (Videos, Beschreibungen, Tags, Kommentare), potenziert sich das Problem natürlich nochmal. Hier gehört anders als bei meiner Seite ja zum Konzept, sich zu beteiligen.

Genau, grundsätzlich fällt aus Sicht des Plattformbetreibers erst einmal jedes Video unter das Urheberrecht oder verwandte Schutzrechte. Aber ist der Nutzer, der gerade dieses Video veröffentlichen will auch der Urheber? Oder hat dieser Jemand Nutzungsrechte erworben?

Je nach Land und zugehöriger Rechtslage müssen sich Admins mit diesem Thema sehr genau auseinandersetzen. Es können hohe Strafen sowohl für die Betreiber als auch für die User fällig werden, sollte eine Urheberrechtsverletzung vorliegen.

Ersteres ist zumindest in Deutschland einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 23.10.2024, wie folgt aufzulösen: “[… sind] nach einem klaren Hinweis auf eine Rechtsverletzung die dort eingestellten Angebote im Rahmen des technisch und wirtschaftlich Zumutbaren auf gleichartige Verletzungen zu überprüfen und rechtsverletzende Inhalte zu sperren oder zu löschen”.

Durch die starke Fokussierung der Instanzen auf bestimmte Themenbereiche fallen Verletzungen jedoch meist schnell auf - denn auch User können Beiträge “reporten”.

Die Rechtslage für soziale Netzwerke

Einige Länder bereiten im Moment Gesetze vor, die Kinder und Jugendliche vor der Nutzung sozialer Netzwerke und damit verbundenen Gefahren schützen soll. Als Referenz hier ein Link zur Bundeszentrale für Jugend- und Medienschutz. Auch hier sind die Admins gefragt, diese Regeln umzusetzen - doch wie?

Dies jedenfalls fragt sich Tom angesichts der zunehmend vielfältiger werdenden Rechtsauffassungen unterschiedlicher Länder.

Updates und Wartung

“PeerTube upgrades were a bit of a drag because everything was tightly coupled with their specific nginx configuration, with breaking changes that had to be adjusted every couple of minor versions.” - Tom, scitech.video administrator, via E-Mail

Die Arbeiten seien nicht besonders schwierig auszuführen, dennoch kosten sie eine Menge Zeit. Wie bei anderer Software auch könne es passieren, dass ein PeerTube-Server zum Beispiel nach Betriebssystemupdates sich nicht mehr hochfahren lässt oder es zu Inkompatibilitäten verschiedener Softwarestände oder Modulen untereinander kommt.

Aus Leistungsgründen stellt sich das Testen als schwierig heraus, sodass oft direkt in “Prod” gearbeitet wird. Im Fehlerfalle leidet der Livebetrieb.

Die Konfiguration sei relativ aufwändig und müsse auf die Hardware angepasst werden. Größere PeerTube-Updates erfordern auch hier Änderungen.

Fazit

“I’m also disillusioned about the fediverse generally as a communication medium. A constant battle against spam/LLMs, so much anger, so much focus on follows, likes and boosts.” - Tom, scitech.video administrator, via E-Mail

Tom ist frustriert, dass auch hier die Aufmerksamkeitsökonomie durchschlägt. Obwohl werbefrei gedacht und als kleine Graswurzelbewegung ausgerollt, werden aus Idealismus heraus erstellte Instanzen schnell für Werbung und Selbstdarstellung missbraucht. Die Kosten beliefen sich zudem auf mehrere hundert Dollar im Jahr, was die Kosten-Nutzen-Bilanz weiter verschlechtere.

Eine Lösung könne hier “die Rückkehr zu Web1.0 oder geschlossene Gemeinschaften” darstellen, wie es sie zum Beispiel bei Meatspace, Matrix, Discord etc. bereits gebe.

Auch alle anderen Faktoren machen Tom den Weiterbetrieb seiner Instanz schwer: Die Nutzerbasis ist nie besonders groß geworden und es gibt nur wenige Menschen, die ihre Inhalte hier noch hochladen. Als Vater hat er nun viel weniger Zeit zur Verfügung und muss Projekte priorisieren. Somit beendet er nun seine immerhin sechs Jahre betriebene Reise als Anbieter im Fediverse.

Ich wünsche Tom für die Zukunft weiterhin viel Kraft, Idealismus und Enthusiasmus.

Jans Geschichte: makertube.net

Image: MakerTube statistics as of Mid March-2025: ~120k views total

Da ich nun nach einer neuen Hosting-Plattform für meine Videos Ausschau halten musste, bemühte ich die Suche für “video-maker” auf der PeerTube-Website. Da meine Inhalte einen klaren Tech-Fokus haben und von Forschung, Produktentwicklung bis in den Vorserienbau reichen, war es nicht schwer, schnell passende Kandidaten ausfindig zu machen.

So kam ich dann zu meinem Kanal auf MakerTube.

Nach erfolgreicher anmeldung schrieb ich eine Mail an die Admins mit ähnlichen Fragen, die ich Tom bereits gestellt hatte.

Motivation - warum MakerTube?

“Ich habe einen kleinen Youtube-Kanal und die permanente Werbung und der Fokus auf die großen Kanäle, Klickbait etc. und wie die Leute gezwungen werden sich der Content-Maschine anzupassen ging mir auf die Nerven. […]” - Jan, MakerTube administrator, via E-Mail

Jan war bereits im Fediverse unterwegs und beschäftigt sich auch beruflich mit Webdiensten, die stark skalieren müssen. Daher erschien es für ihn logisch, selbst eine Instanz aufzusetzen - dann aber natürlich mit den wirklich interessanten Themen dieser Welt. Es sei ja nicht als Konkurrenz zu YouTube gedacht und fokussiere sich daher auf Maker, Musikerinnen, Künstler etc.

Ist der Einstieg leicht?

Es bedeute schon einiges an Aufwand, so eine Instanz hochzuziehen und performant zu halten. Framasoft, welche die PeerTube-Software entwickeln, machten einen Superjob und unterstützen die Hoster-Community wo sie können.

Ich persönlich kann bestätigen, dass sich PeerTube in den neueren Versionen ganz anders anfühlt als noch vor ein paar Jahren und sich mit praktischen Features wie automatisch generierten Untertiteln immer näher an den Funktionsumfang von YouTube heranrobbt.

Das Fediverse, so Jan, sei nach wie vor eine Nische. Daher falle das Wachstum seiner Instanz eher moderat und sehr organisch aus. PeerTube sei im Moment noch etwas für enthusiastische Videomacher; am normalen Publikum laufen die Inhalte größtenteils ungesehen vorbei.

Wie groß ist der Zeitaufwand?

Jan legte den Fokus auf niedrige laufende Kosten bei gleichzeitiger Skalierbarkeit, falls die Sache plötzlich doch groß werden sollte. Jetzt, da das System reibungsfrei läuft, liege der Aufwand bei ein paar Stunden pro Woche für Moderation von Usern, Inhalten und Support.

Ausnahmen: Größere Updates, Upgrades und technische Probleme.

Was sagen die Leute?

“Es gibt positive Rückmeldungen und die Leute sind dankbar, dass ich die Seite betreibe und ich mir die Arbeit mache, aber ich würde sagen nicht sehr viele.” - Jan, MakerTube administrator, via E-Mail

Aber natürlich gebe es auch immer mal wieder Entrüstung darüber, dass das halt nicht YouTube wäre und nicht jeder sofort einen Account aufmachen könne.

Wie erkennt ihr Urheberrechtsverletzungen?

“Bezüglich Copyright gibt es da keine direkten Hilfsmittel. Es gibt die Report-Funktion an den Videos, um auf Verstöße gegen Copyright oder Instanzregeln hinzuweisen. Das wird auch von Benutzern genutzt.” - Jan, MakerTube administrator, via E-Mail

Verantwortung und Haftung lägen bei so kleinen Anbietern wie MakerTube in erster Linie beim User. Wenn allerdings auf Verstöße hingewiesen wird, müssen die Admins tätig werden und Inhalte löschen. Auf MakerTube sei dies allerdings im Alltag kein Problem: Die Registrierungen neuer User wird genau geprüft und im Zweifel werde nachgefragt, um welche Inhalte es gehe. Bei den meisten Verletzungen gehe es um Hintergrundmusik der Videos, da gebe es scheinbar weniger Bewusstsein für Urheberrecht wie bei Uploads von Videokopien.

Und wie finanziert sich das Ganze?

MakerTube finanziert sich über Spenden. Gerade zu Anfang ging laut Jan viel Zeit dafür drauf, dies den Leuten klar zu machen und genügend Budget für einen flüssigen Betrieb zu erhalten. Eine Videoplattform sei ressourcenintensiv: Viel CPU-Power für Transkodierung und Streaming, einen Haufen Plattenplatz für die ganzen Assets bei gleichzeitig hohen Anforderungen an die Bandbreite, gerade in “Stoßzeiten”.

Fazit

Ich bin mit MakerTube bis jetzt zufrieden: Transkodierungen gehen flott, Videos laufen flüssig. Sogar der Heise-Verlag hat nun ein erstes Video auf die Instanz hochgeladen. Es ist allerdings deutlich schwieriger, ohne “Fanbase” auf die Landing Page zu kommen, was bei scitech.video für mich nie ein Problem darstellte 😅.

Lasst mich mit einem weiteren Zitat von der Site selbst schließen:

“MakerTube is here to stay.” - MakerTube, March 2025, about MakerTube.

Danke, Jan. Auf die Zukunft!